Weltweit vor Ort

Lokale Umweltgruppen im Internet: ein greifbarer Nutzen?

Thomas Adam/ Georg Doll

Für die großen Umweltverbände ist es zwischenzeitlich längst ein Muss, im Internet präsent zu sein. Allein ihre erklärte Ausrichtung hin auf einen Öko-Lobbyismus erfordert die Ausnutzung aller erdenklichen Medien und damit zwingend auch den Auftritt im weltweiten Netz.

Daneben präsentieren sich zunehmend auch lokale Umweltgruppen und Bürgerinitiativen im Internet. Doch gilt für sie auf den ersten Blick nicht das, was ironisch über den Bäcker im 500-Seelen-Dorf gesagt wird, der die Schmackhaftigkeit seiner Brezeln „www-weit“ anpreist und sich täglich wundert, warum sein Umsatz nicht sprunghaft ansteigt?

Die Antwort auf die Frage, welchen realen Gewinn lokale Umweltgruppen aus einem Auftritt im Internet zu ziehen vermögen, muss differenziert sein. Werden die anfangs vielleicht überzogenen Erwartungen weit genug zurückgeschraubt, kann es gelingen, die dann realistischer sich abzeichnenden tatsächlichen Möglichkeiten auch wirklich effektiv zu nutzen.



Internet ersetzt noch nicht die Tageszeitung



Das Zurückschrauben fängt dort an, wo das Internet etwa als breitenwirksames Informationsmittel auf lokaler Ebene missverstanden wird. Zweifellos ist es durch seine Verknüpfung mit E-Mail und elektronischer Datenübertragung ein Kommunikationsweg auf individueller Ebene, vergleichbar etwa mit Telefon und Fax. Es dient als Bezugsquelle gezielter Informationen, es erleichtert und beschleunigt den Informationsfluss sowie den internen Gedankenaustausch lokaler Umweltgruppen, den es schon bislang gegeben hat, und damit deren Vernetzung. Außerdem kann die ehrenamtliche Aufgabe, eine Internet-Präsentation zu erstellen und dauerhaft zu betreuen, engagierte Aktive an die Gruppe heranführen, die ohne dieses spezifische Betätigungsfeld vielleicht nie zu einem Verein gestoßen wären.

Aber für den Zweck der Außenwirksamkeit von Gruppen ersetzt das Internet im Hinblick auf die Häufigkeit seiner Frequentierung eben weder die Tageszeitung noch das Flugblatt noch das Plakat. Der Alltag spielt sich längst nicht in dem Maße vor dem Computer ab, dass Privatpersonen lokale und regionale Nachrichten vorzugsweise aus dem Internet beziehen – der Anteil am gesamten Informationsfluss dürfte (derzeit noch) gerade einmal im Promillebereich liegen.



Keine Zensur



Ausgerechnet der in bestimmten Fällen hässlichste Charakterzug des Internet, nämlich das weitgehende Fehlen einer Kontrolle, kann sich für regionale Umweltgruppen und Bürgerinitiativen als einer der entscheidendsten Vorteile herausstellen – und dies um so mehr, je lokaler sie tätig sind.

Denn oft genug sind die Erfahrungen mit der regionalen Presse nicht die besten (woran freilich nicht immer nur die Presse allein schuld sein muss), und häufig wird eine einseitige oder gar ausbleibende Berichterstattung über die Ziele und Ergebnisse einer Gruppe beklagt. Gerade dies macht das Internet für lokale Vereine reizvoll: mag zunächst auch nur eine begrenzte Zielgruppe erreicht werden, so stehen die Informationen der Gruppe doch potenziell allen Interessierten jederzeit im Originalton zur Verfügung und nicht durch den womöglich parteiischen Filter der regionalen Presse.

Und dass lokale Gruppen daraus einen noch größeren Nutzen ziehen können als die starken Umweltverbände, liegt auf der Hand: erreichen doch die bundesweiten Organisationen neben den eigenen Verbandspublikationen auch eine vielfältige Presselandschaft. Demgegenüber bietet sich für lokale Gruppen im äußersten Fall gerade einmal das örtliche Verkündungsblatt als Printmedium an, in dem aber (zumal abweichende) politische Stellungnahmen kaum Chancen auf Veröffentlichung haben. Bundesweite Verbände haben es nicht mit einer Monopolpresse zu tun, die ihre Auslassungen leichthin unter den Tisch kehrt – lokale Gruppen unter Umständen schon.

Und hier gewinnt das Internet seine erste wichtige Bedeutung: nämlich nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zur Tagespresse für solche Fälle, in denen lokale Gruppen ihre Erklärungen nicht in Zeitungen platzieren können. Für den Abruf tagesaktueller Informationen von der Homepage einer Umweltgruppe muss aber durchaus noch auf konventionellem Wege geworben werden. Hilfreich ist auch die Vernetzung einzelner Seiten durch Links auf und von andere(n) Gruppen – gerade wo Gleichgesinnte gegenseitig aufeinander verweisen, wird der Einzelne sichtbarer als im Eremitendasein nicht verlinkter Netzseiten.



Der Mythos der Professionalität



Eines der gegenwärtig wohl wichtigsten Argumente für die möglichst rasche Präsenz lokaler Umweltgruppen im Internet wird in den kommenden Jahren immer weiter an Gewicht verlieren. Gerade weil nämlich das Internet auf regionaler Ebene noch längst nicht jene Bedeutung besitzt, die täglich suggeriert wird, und gerade weil einen Internet-Auftritt nach wie vor noch ein Mythos der Professionalität umgibt, gerade deshalb also liegt die Chance einer Netzpräsenz für lokale Initiativen in der momentanen Überschätzung dieses neuen Mediums. Noch immer gelten Homepages als ein Zeichen von Exklusivität (man denke an lokale Schlagzeilen wie: „Unsere Gemeinde ist im Internet!“). Eingedenk dessen kann die gutgemachte Website einer lokalen Umweltgruppe durchaus eine erhebliche Breitenwirkung erlangen.

Allerdings hängt der mit einer eigenen Homepage verbundene Prestigegewinn weniger davon ab, wie viele Surfer sie täglich besuchen, sondern wie oft sie in den herkömmlichen Medien erwähnt und wie häufig in der Presse über ein aktuelles Angebot auf der Seite berichtet wird. Eben daraus nämlich resultiert primär die öffentliche Aufmerksamkeit und die politische Wirksamkeit einer von lokalen Gruppen erstellten Website (was sich übrigens durchaus auch in Form von Spenden und Sponsoring bemerkbar machen kann).

In einigen Jahren freilich, wenn Homepages so gewöhnlich sein werden wie ein Werbeaufdruck auf dem Geschäftskuvert, wird sich dies zusehends ändern. Dann wird eine bloße Internet-Präsenz keinen hohen Stellenwert mehr besitzen, und Prestigegewinne ergeben sich allenfalls noch dann, wenn ansprechende Präsentation, innovative Gestaltung und kontinuierliche Betreuung der Site gewährleistet sind. Um so mehr gilt es, die Chance der Wirksamkeit jetzt zu nutzen, solange noch (gerade auf lokaler Ebene) der Mythos der Professionalität zum Applaus für jene führt, die sich überhaupt des neuen Mediums Internet zu bedienen wissen.



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